Kultur

Da nich für!: Dendemann pflanzt ein Tulpenbeet

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Nach Jahren der Abstinenz auf dem Tonträger-Markt packt Dendemann auf «Da nich für!» fast ein Jahrzehnt Wandel ins Albenformat. Mit Wortwitz und Gastkünstlern wie Casper, Trettmann und den Beginnern wischt er mal eben alles weg, was seiner Meinung nach in Deutschland schiefläuft.

Echt Schaf! Dendemann als guter Hirte. Foto: Nils Müller/Universal Music

Als Dendemann das letzte Mal ein Album herausbrachte, gab es die AfD noch nicht. «Wir» waren noch Papst – und die Vorstellung, dass eines Tages Donald Trump die Vereinigten Staaten von Amerika regieren könnte, hätte wohl viele zum Lachen gebracht.

Da ist es nachvollziehbar, dass Dendemanns Label von einem kleinen Wunder spricht, nun, da klar ist: Er ist wieder da. Fast neun Jahre sind seit dem letzten Album vergangen.

«Da nich für!» lautet der Titel. Und der Schluss liegt nahe, dass er mit dem Dankesverzicht auf die Frage nach seinem neuen Album anspielt, die im Satireformat «Neo Magazin Royale» bei Jan Böhmermann zum Running Gag mutierte. Für die Show lieferte er zeitweise den Soundtrack, zusammen mit seiner Begleitband Die Freie Radikale. «Wann kommt dein Album raus?», war auch die Abschiedsfrage des Showmasters an den Rapper, der Ende der Neunziger im Duo mit DJ Rabauke als Eins, Zwo bekannt geworden war.

Sein Standing im deutschen Hip-Hop beschreibt Dendemann wohl selbst am besten: «Er stinkt nach Mythos», heißt es im ersten Titel, «Ich Dende also bin ich». Das schafft natürlich Fallhöhe. Aber Dendemann – mit bürgerlichem Namen Daniel Ebel und inzwischen 44 Jahre alt – gibt sich alle Mühe, dem Mythos gerecht zu werden, ob beim Sound, bei den Themen oder den vertretenen Gastmusikern. Er lässt Revue passieren, was sich seit «Vom Vintage verweht» (2010) im Land verändert hat, aber auch im Privaten und in der Hip-Hop-Kultur. Das Album ist traditionsbewusst und zugleich modern – vor allem aber zutiefst politisch.

«Die Politik kam ganz von selbst rein», sagt er. «Müde und in schlechter Verfassung – wie Artikel drei. Müde, von den Rechten, den Faschos, den Naziparteien», heißt es in «Müde». Der Track attestiert einen Rechtsruck in der Gesellschaft. Mit der Zeile spielt Dendemann auf den Gleichbehandlungsgrundsatz im Grundgesetz – Artikel drei – an, demzufolge niemand wegen seiner Abstammung, Sprache, seines Glaubens oder etwa seiner sexuellen Identität benachteiligt werden darf. Diese Übereinkunft sieht er offenbar gefährdet. Doch die geäußerte Müdigkeit ist kein Aufgeben und Nicht-mehr-zuhören-Wollen, sondern ein Statement gegen den Siegeszug des Populismus, das Fallen sprachlicher Anstandsgrenzen in der öffentlichen Debatte. «Ich bin müde, und ich werd müde sein mein Leben lang», rappt er: «Doch Müdigkeit geht jeden an.»

«Müde» ist nicht das einzige Stück, in dem Dendemann vom Zeitgeist wie verkatert wirkt. Auch die moderne Arbeitswelt hat es ihm nicht angetan, in der sich Menschen selbst ausbeuten, um vorwärts zu kommen. «Alle Systeme hoch, doch Standby im Herz», heißt es in «Menschine»: «Du bist ‘ne Maschine und dein Körper der Gegner.» An anderer Stelle greift er den Faden wieder auf. In «Drauf und Dran» zeigt Dendemann Mut zur Verweigerung. «Dende macht Blaupausen wie ein Trockener», heißt es da und: «Sitze gern, seitdem ich laufen kann.» Den Refrain liefert Mieze von der Popband Mia.

Manche der Beats auf dem Album könnten aus der Hochphase des deutschen Hip-Hop in den Neunzigerjahren stammen – sie sind «oldschool» und schnörkellos. An anderer Stelle lässt moderne Autotune-Technik sogar Hildegard Knef auferstehen und mitsingen.

Das nostalgische «BGSTRNG» ist eine Hommage an den frühen Deutschrap – und was daraus geworden ist. «Früher gerne ausgebuht und belächelt, regiert Rap die Welt jetzt wie Google und Apple», rappt Gastmusiker Jan Delay. Der Track ist gespickt mit Songzitaten, mit Samples alter und neuerer Textzeilen anderer Künstler. Ein bisschen ironisch wirkt bei dieser Collage das Zitat der Frankfurterin Schwester Ewa aus einem Song von Gangsterrapper Xatar, «spuck’ immer noch den echtesten Rap», weil es der Gegenentwurf zu dem ist, was Dendemann unter anderem ausmacht: Verzicht auf Angeberei, Sexismus, Gangster-Getue und kalkulierte Skandale.

Auch nach dem branchenüblichen Party-Proletentum sucht man auf «Da nich für!» vergeblich. Das Feiern ist hier weitgehend Dendemanns besserer Hälfte vorbehalten. «Sie sagt, ihr Körper braucht Bass», heißt es in «Littbarski». Er selbst will lieber «mit dem Hund zuhause» bleiben und «einen Rest Lasagne» in den Ofen schieben. «Und ich verarzte mein Schatzi, wenn sie’s mal wieder ‘ne Runde zu bunt treibt», heißt es in dem Track mit Trettmann.

Bei so vielen Jahren im Geschäft kommt auch das letzte Zitat des Albums selbstironisch daher: Kein Rapkünstler, sondern der gute alte Heinz Erhardt spricht, Unterhaltungskünstler und Komiker der alten Bundesrepublik der Fünfziger- und Sechzigerjahre, zu Lebzeiten seinerseits ein gefeierter Wortakrobat. «Nochn Gedicht» ist eine Absage an großspuriges Auftreten und Effekthascherei – und eine Liebeserklärung an die Sprache, die im Rap ursprünglich im Zentrum stand.

Mit unzähligen Blumen-Sprachbildern verweist Dendemann die derzeit tonangebenden Gangsterrapper – Neurosenkavaliere – auf die Plätze. «Die ach-so-schweren Jungs setze ich ganz und gar auf ‘ne Nulldiät, ich rupfe deren Unkraut – und pflanz darauf ein Tulpenbeet.» Nach all der Skepsis ist Dendemann im letzten Stück des Albums «voll ungebremster Zuversicht in Sachen Du und Ich», setzt Hass als Songmotiv Liebe und Blumenreime entgegen. Spätestens da ist klar: Dieser Wortwitz hat dem deutschen Rap lange genug gefehlt.

Tourdaten: 04.02. Hannover – Capitol, 05.02. Bremen – Pier 2, 06.02. Osnabrück – Hyde Park, 07.02. Dortmund – Warsteiner Music Hall, 09.02. Münster – Skaters Palace, 10.02. Frankfurt – Batschkapp, 11.02. Heidelberg – halle02, 12.02. Stuttgart – Im Wizemann, 13.02. München – Tonhalle, 16.02. Karlsruhe – Substage, 07.02. Köln – Carlswerk Victoria, 18.02. Wiesbaden – Schlachthof, 23.02. Dresden – Reithalle, 25.02. Leipzig – Werk2, 26.02. Hamburg – Mehr! Theater 27.02. Hamburg – Mehr! Theater, 28.02. Berlin – Columbiahalle

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