Kultur

Micky Beisenherz über Til Schweiger: Je suis Schweiger

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Til Schweiger hat ein Hollywood-Remake von “Honig im Kopf ” gedreht – und dafür Verrisse kassiert. Und die Deutschen? Geilen sich daran auf. Micky Beisenherz über den Selbsthass des Kulturbetriebes.

Micky Beisenherz bricht eine Lanze für Til Schweiger

Deutsche, was ist nur los mit euch? Reicht es euch nicht, dass ihr eure alte Oma “Lindenstraße” so lange nicht besucht habt, bis die ARD beschlossen hat, die Maschinen abzustellen? Müsst ihr jetzt auch noch Til Schweiger demontieren, bis sich die Gram in sein Gesicht frisst?

Gut, das wäre immerhin ein zweiter Ausdruck, dennoch: Es irritiert mich ernsthaft, wenn ich sehe, wie lustvoll in diesem Land die Kritiken zitiert werden, mit denen US-amerikanische Kritiker den aktuellen Schweiger-Film bedenken. Gesetzt den Fall, dass sie nicht wissen, wovon ich rede: Der Wim Wenders für Crocs-Käufer hat ein Hollywood-Remake seines eigenen Filmes “Honig im Kopf” gedreht und die Übersee-Presse ist… nun ja… wie drücke ich das aus: Die Rezensionen lesen sich, als hätte man Alice Schwarzer eine Gastro-Kritik der neuen Hooters-Filiale schreiben lassen.

Micky Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier

Kurz: Es hat ihnen eher nicht gefallen. Und jetzt stürzen sich die Deutschen mit einer Häme darauf, als hätte der tumbe Til ihnen allen über Jahrzehnte hinweg kiloweise Schimmel in die Doppelhaushälfte gepumpt. Tausende Shares und Retweets für die verbalen Vernichtungsarien von “New York Times” und Co. Von wegen “geteiltes Leid” und so. Es ist seltsam.

Es bleibt die Frage: Wie groß muss der Selbsthass des deutschen Kulturbetriebes sein, sich so daran aufzugeilen, dass einer auf die Fresse kriegt, der es gewagt hat, zu sagen: Ich mach das jetzt einfach mal. Ist es so unschicklich, mit dumpfem Stolz auf den Mann zu blicken und zu sagen: “Guck mal, unser Junge in Hollywood.” Wo kommt diese pathologische Fixierung auf den fleißigen Filmemacher her? Kein Wunder, dass der mittlerweile verstört wippend im Sessel hängt und man ihn fragen will “zeig uns an der Puppe, wo die Kritiker dich angefasst haben”.

Klar, okay. Er ist ein wenig eitel. Ja, er stellt in jeder Produktion mehr Familienmitglieder ein als jeder CSU-Abgeordnete. Und, okay, er konkurriert mimisch mit einem Bimsstein, aber: Ist er wirklich der Ed Hardy fürs Dudelkino? Mehr Camp David als Hollywood? Oder macht er nicht vielmehr einfach nur gut gemachte Streifen für ein breites Publikum? “Keinohrhasen”, “Zweiohrküken”, “Dreilochstute”, und wie sie alle heißen. “Ja, aber die Filme sind doch Mist!”, brüllt da der kulturbeflissene Deutsche, während er den Coelho zuklappt.

Beömmeln über den Münster-“Tatort”

Da schwingt sich ein Volk zu einem Haufen Connaisseure auf, während sie sich gleichzeitig beim Münster-“Tatort” über den köstlichen Boerne beömmeln und völlig schamlos Helene Fischer durch Amok-Plattenkäufe finanziell hochfriedrichmerzen.

Respekt, BRD! Die Nerven muss man erst einmal haben! Wahrscheinlich ist es eine religiöse Geschichte, weil Schweiger den Mut hatte, die heilige Kuh “Tatort” anzutasten. Um ehrlich zu sein waren das die einzigen, die überhaupt mal guckbar waren, weil der rastlose Bombastfilmer das dröge TV-Knäckebrot wenigstens mal ordentlich mit Käse überbacken hat.

Wir können viel von Til Schweiger lernen

Dieses Land ist bekanntlich nicht das Epizentrum des internationalen Gönnertums, aber wie man sich speziell an dem außerordentlich erfolgreichen Filmemacher abarbeitet, sagt mehr über diejenigen aus, die über ihn urteilen als über den Vielgescholtenen selbst. Davon ab ist er der Einzige, der schon vor Jahren den eigenen Arsch und hunderttausende Tickets riskiert hat, sich politisch zu positionieren, während andere sich als singende Teflonpfanne noch lange bedeckt gehalten haben, in der Hoffnung, dass der ganze Flüchtlingsquatsch hoffentlich bald vorbei ist. Da darf man dann auch schon mal darüber hinwegsehen, dass er in seinem Restaurant für ein Glas Wasser mehr verlangt, als man für die Entschuldung Afrikas ausgeben müsste.

Schweiger ist ein unermüdlicher Inuit des Entertainments, unverzagt jeden Tag aufs neue gegen einen Strom aus Scheiße anpaddelnd. Wir können alle viel von ihm lernen.

P.S.: “Toni Erdmann” war furzlangweilig.

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